von Helge Herget und Annette Schaper-Herget
Am Tag des Lokaljournalismus berichtet Ippen Media1 „auf allen zur Verfügung stehenden Titeln und Kanälen über die Erfolge und die Herausforderungen von gutem Journalismus auf lokaler Ebene“.
Da wollen wir doch mal mitmachen und einen Titel zum Thema auf diesem Kanal beitragen. Wir nehmen die Zeitung beim Wort und untersuchen, ob sie ihren hehren Ankündigungen gerecht wird. Aber erst noch mal etwas zur Messlatte, die sie selbst stolz sehr hoch gehängt hat:
Die Offenbach-Post hat redaktionelle Leitlinien2, denen sie folgen will.
Darin steht u.a.:
Ippen Media zitiert den Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier:
„Lokaljournalismus ist nicht nice to have. Er ist eine der Säulen, die die offene Gesellschaft der Demokratie trägt und stabil hält.“
„Wir verpflichten uns zu journalistischer Sorgfalt.“
„Gerüchte oder unbestätigte Meldungen werden eindeutig als solche gekennzeichnet.“
„Vor der Veröffentlichung durchläuft jeder Inhalt zudem einen Qualitätssicherungsprozess, der mindestens das Vier-Augen-Prinzip umfasst.“
In einem Beitrag1 auf der Seite der IPPEN.MEDIA mit dem Titel „Lokaljournalismus mit Expertise und hohen Standards“ heißt es:
„Fakten, die die Lokalredaktion liefert. Mit neutralem, unabhängigen Journalismus, der rechtzeitig informiert, alle Meinungen und Fraktionen abbildet und einordnet. Ein Lokaljournalismus mit Expertise und hohen Standards, der sich seiner großen Verantwortung bewusst ist.“
Unsere Fragen an unsere Heimatzeitung
Bei unserem Stammtisch am Tag des Guten Lokaljournalismus, dem 05. Mai, haben wir die Offenbach-Post deshalb zum Hauptthema gemacht und diese Fragen diskutiert:
- Berichtet sie wahrheitsgemäß, fair und umfassend, indem sie unterschiedliche Positionen aufzeigt?
- Verifiziert sie ihre Quellen?
- Wird sie ihrer Sorgfaltspflicht bei der Recherche gerecht?
- Unterscheidet sie in ihrer Berichterstattung sauber zwischen Tatsachen, Meinungen und Gerüchten?
- Ist sie überparteilich und fair in Wahlkampfzeiten?
- Lässt sie zu Berichten auch gegenteilige Sichtweisen zu Wort kommen?
- Fällt sie auf Fake News und Gerüchte herein?
- Was ist ihr eigener Anspruch und wird sie ihm gerecht?
Die Ankündigung des Stammtischs haben wir wie immer an die Offenbach-Post geschickt. Normalerweise druckt sie die auch ab. Wir wollten sehen, ob sie die Größe hat, das auch dieses Mal zu tun. Hatte sie nicht. Die Fragen waren offenbar zu unangenehm, um veröffentlicht zu werden.

Beispiele, die wir untersucht haben
Das städtebauliche Entwicklungsprogramm Bieber Waldhof
In der Berichterstattung der Offenbach-Post kamen die Befürworter der Maßnahme, vor allem der Baudezernent, durchweg ausführlich zu Wort. Dagegen wurde zwar erwähnt, dass es Gegner gibt, ihre Argumente wurden jedoch nicht angesprochen. Diese sind aber vielfältig: Naturerhaltung, Fluglärm, Finanzierung, Wasserversorgung, Erhalt der Kaltluftschneisen und juristische Probleme bei dem städtebaulichen Entwicklungsprogramm, das die Stadt durchführen möchte. Das Schweigen über diese Argumente zeigt, dass diese Berichterstattung einseitig ist und mangelnde Sorgfalt zeigt. Zum Thema gibt es viel auf unseren Seiten3, man findet es, wenn man unter Suchen „Bieber-Waldhof“ eingibt.
Die Interessengemeinschaft Mathildenviertel
Auch hierbei hatte die OP zunächst mal dem Investor viel Raum für seine Sicht der Dinge gegeben. Dessen Unterstellung, dass die Angaben der Interessengemeinschaft fehlerhaft seien, hat die Offenbach-Post übernommen, aber nicht hinterfragt. Den Protestbrief der Interessengemeinschaft hat sie ignoriert. Nach längerer Zeit erschien ein weiterer Artikel, ein Interview des Redakteurs Julius Fastnacht mit der Städteplanungs-Professorin Christa Reicher über Nachverdichtung in der Großstadt („Städte benötigen Grünräume“). Dieser problematisierte zumindest eine zu starke Innenstadtverdichtung und betonte die Notwendigkeit von Grünflächen. Aber auch dieses Interview ging nicht auf die vielfältigen Argumente der Interessengemeinschaft ein. Auch zu diesem Thema gibt es viel auf unserer Webseite4:
Der Biber in Bieber
Zum Entzücken vieler Offenbacher und zum Ärger eines Heusenstammer Bauern haben sich bekanntlich wieder Biber in der Bieber angesiedelt. Die Offenbach-Post hat dieses Ereignis jedoch einseitig und monatelang als dramatisches Problem dargestellt. In ihren Berichten stellte es sie so dar, als ob der Bauer der Besitzer der überschwemmten Fläche sei. Ist er nicht, er hat nicht mal Pachtverträge. Die OP hat ihm in mehreren Artikeln viel Raum gegeben für seine Darstellung der Dinge. Hatte ernsthaft erwogen, ob ihm nicht Schadenersatz zustünde. Pressemitteilungen zum Thema Biberschutz hat sie hingegen ignoriert. Auch die glasklare Gesetzeslage hat sie mit keinem Wort erwähnt, es stattdessen so dargestellt, als ob die Ansiedlung des Bibers Verhandlungssache sei. Ist das „Neutraler, unabhängiger Journalismus, der rechtzeitig informiert, alle Meinungen und Fraktionen abbildet“? Oder ist das „Lokaljournalismus mit Expertise und hohen Standards“?
Erst nach längerer Zeit kam ein objektiver Bericht von einer Praktikantin. Danach wurde das Thema von der OP nicht mehr erwähnt. Hierzu gibt es ebenfalls viel Info auf dieser Seite5:
Digitalisierung
Pressekonferenzen der Stadt, wie zum Beispiel zur Digitalisierung, werden immer unkritisch wiedergegeben. Informationen zu Hintergründen – Fehlanzeige! Ein Beispiel ist der Artikel6 „Neues Amt soll vernetzen – ohne zusätzliches Personal“ vom 02.05.2026. In diesem Artikel wird angekündigt, dass der Oberbürgermeister ein Amt für Digitalisierung aufbauen will.
Hier hätte man wirklich kritische Fragen erwarten dürfen, z. B.
- Warum macht das nicht die Stabsstelle Digitalisierung?
- Wird die seit Januar vakante Leitungsposition der Stabsstelle Digitalisierung wieder besetzt?
- Was wird aus dem Open Data Portal, warum enthält es nur fünf Datensätze, die ohnehin seit vielen Jahren veröffentlicht werden? Warum enthält es nicht die Daten des Geoportals, die doch der Hauptbestandteil sein sollten?
- Wenn das neue Amt aus dem Hauptamt heraus aufgebaut werden soll ohne neues Personal, gibt es denn dort die nötige Expertise?
- Warum gibt es jetzt schon die dritte Stelle, die die Digitalisierung bearbeiten soll? Warum hatten die beiden anderen (AG Digitalisierung und Stabsstelle) keinen Bestand?
- Warum arbeitet die Stadt erst seit eineinhalb Jahren an diesen Strukturen, es wurde doch in der Stadtverordnetenversammlung seit vielen Jahren behauptet, dass man das längst mache.
- Gibt es inzwischen den IT-Sicherheitsbeauftragten, dessen Stelle schon 2023 beschlossen worden war?
Schon vor neun Jahren, als er frisch gewählt worden war, hatte der OB angekündigt, die Digitalisierung voranzutreiben. Spätestens seitdem hätte sich auch die Offenbach-Post in das Thema einarbeiten kmüssen, um dies kritisch zu begleiten. Leider scheint es dort keinerlei Interesse oder gar Expertise zu geben. Passt das zum Anspruch „Wir verpflichten uns zu journalistischer Sorgfalt.“?
Zum Thema Digitalisierung findet man auf unserer Seite viel: Alles zu Digitalisierung und Entbürokratisierung7 und zu Digitalisierung und Teilhabe8. In Kürze wird es einen weiteren Artikel von uns geben, der sich mit der Digitalisierung in Offenbach und der Ankündigung des neuen Amts beschäftigt.
Chlorwasser
Im letzten Herbst war es in Offenbach ein großes Thema, dass dem Trinkwasser seit neustem Wasser aus dem Verband Hessenwasser zugemischt wird, das mit Chlor versetzt ist, was man auch schmeckt. Wir hatten den Antrag gestellt, mit Mühlheim zu kooperieren, von dem wir auch Wasser beziehen könnten, ohne Chlor. Die Offenbach-Post hat über die Sitzung berichtet, dass alle gegen unseren Antrag waren. Der Artikel triefte vor Häme, was Ofa für „unsinnige“ Anträge stelle. Wir haben dem Redakteur, Herrn Reinartz, empfohlen, sich doch mal in Mühlheim zu erkundigen. Das hat er tatsächlich gemacht und einen zweiten Artikel geschrieben, in dem dann auch stand, dass „der Mühlheimer Antrag“ völlig recht hatte. Allerdings hat er dieses Mal den Namen Ofa kein einziges Mal mehr erwähnt, es hieß immer nur noch der „Mühlheimer Antrag“. Übrigens wurde dieser abgelehnte Antrag dann tatsächlich umgesetzt. Überhaupt nicht berichtet hat die OP, dass dann auch noch ein Wasserkonzept beschlossen wurde, gegen die Stimme der Ofa, das 10 Jahre gelten wird, in dem ein Fehler ist. Nämlich die Behauptung, dass Mühlheim nicht genug Wasser liefern könne. Obwohl wir den Fehler erklärt haben, wollte niemand das Konzept noch ändern.
Geht so Überparteilichkeit? Hätte die OP nicht recherchieren sollen, warum alle so vehement gegen den Antrag waren? Warum sie behaupteten, Mühlheim könne gar kein Wasser liefern? Warum sich die Stadtverordneten nicht besser informiert hatten? Geht so Sorgfaltspflicht bei der Recherche? Geht so „Lokaljournalismus mit Expertise und hohen Standards, der sich seiner großen Verantwortung bewusst ist“?
Mehr zum Thema Chlorwasser findet sich hier9 und hier10.
Hafenmarina
In einer Sache war die OP ihrer Aufgabe gerecht geworden, nämlich beim Thema Hafenmarina. Hier hat sie ihren Auftrag erfüllt und auch andere Sichtweisen als nur die der regierenden Koalition zu Wort kommen lassen.
Hier kann man mehr zum Thema11 nachlesen.
Taubenschützer sind „Bodensatz“?
Die OP schreckt auch nicht vor Beleidigungen zurück. Eine Meinungsäußerung zu einer Bürgerinitiative, die einem Redakteur nicht gefällt, ist legitim, nicht aber Beschimpfungen, die keinerlei aufklärerischen Wert haben und nur verletzen sollen. Ein Beispiel: Im Dezember 2025 schrieb Redakteur Reinartz in einem Kommentar zu einem sehr ausgewogenen Bericht12 von Veronika Schade über Taubenschützerinnen in Offenbach:
„Was übrigbleibt, ist – ausgenommen ein paar versprengte Aufrichtige – der Bodensatz der Gesellschaft gepaart mit ein paar Aktivisten (Stadttauben!), die diesen Pool an Aufregungswilligen gern und geschickt nutzen, um Stimmung für ihre Sache zu machen.“
Also laut OP sind Taubenschützerinnen gepaart mit dem Bodensatz der Gesellschaft? Niveauloser geht es nicht mehr! Hat da wirklich der angebliche „Qualitätssicherungsprozess“ stattgefunden?
Sittenwidrige Verträge der Ofa-Fraktion?
Eine sehr unschöne Geschichte war eine Verleumdung unserer ehemaligen Fraktion mitten im Wahlkampf. Sie hat uns vermutlich viele Wählerstimmen und damit den zweiten Sitz gefordert. Kurz beschrieben ist sie schon mal im Bericht zur letzten Stadtverordnetensitzung13. Demnächst werden wir ihr aber noch einen viel ausführlicheren Beitrag widmen. Wir hatten einen Anwalt, aber da es dank zu weniger Wahlstimmen keine Ofa-Fraktion mehr gibt, gibt es auch keine Klägerin mehr. Glückwunsch, Offenbach-Post! Das war mit diesem Beitrag mitten im Wahlkampf wohl auch beabsichtigt! Trotzdem lassen wir das nicht auf sich beruhen.
Zur Sache: In der Offenbach-Post vom 18.02.2026, mitten im Wahlkampf, stand in einem Artikel von Herrn Sommer: „besonders auffällig sind Fraktionswechsel: Maximilian Winter verließ die Ofa und schloss sich der FDP an – und bei der Gelegenheit wurden sittenwidrige Fraktionsverträge der Ofa offenbar.“ Dies ist eine rufschädigende Falschbehauptung. Es gab nur einen Vertrag, an dem nichts sittenwidrig war. Auf unsere Nachfrage, wie die OP diese Behauptung begründen würde, antwortete sie:
„Ihnen ist bekannt, dass sowohl in der FDP wie im Stadtverordnetenbüro die Verwunderung über die sogenannten Fraktionsverträge groß war. Auf Nachfrage Frank Sommers beim Stadtverordnetenvorsteher antwortete dieser 2022, dass solche Verträge nicht HGO-konform und daher als sittenwidrig aufzufassen seien. Laut HGO ist jeder Stadtverordnete unabhängig, betonte Färber, diese Unabhängigkeit einzuschränken, sei nicht statthaft. Daher die Formulierung der „sittenwidrigen Fraktionsverträge“, die sich auf die seinerzeitige Antwort des Stadtverordnetenvorstehers bezieht.“
In unserem damaligen Fraktionsvertrag stand sogar, dass es keinen Fraktionszwang gab. Unsere Fraktionsmitglieder waren daher sogar unabhängiger als die der anderen Fraktionen.
Es gab viel Hin- und Her. Herr Färber behauptet, er habe dies nie gesagt, die OP besteht trotzdem darauf, dass er genau das gesagt habe.
Aber warum hat sie nicht recherchiert und vielleicht bei uns nachgefragt, ob sie diese „Verträge“ mal einsehen könnte? Wir hätten ihr gerne unseren Vertrag zur Verfügung gestellt und alles sofort aufgeklärt! Und warum hat sie dies nicht als Gerücht gekennzeichnet? Sie behauptet doch in ihren Leitlinien „Gerüchte oder unbestätigte Meldungen werden eindeutig als solche gekennzeichnet.“ Warum hat sie nicht geschrieben, dass diese Gerüchte zunächst aus der FDP und dem Stadtverordnetenbüro kamen? Warum hat sie nicht erklärt, was sie mit „sittenwidrig“ meinte?
Fazit
Diese Lokalzeitung wird ihrem erklärten Anspruch an „guten Lokaljournalismus“ nicht gerecht. Es gibt einige Journalisten, die unserer Ansicht nach gut arbeiten, aber sie scheinen eher die Ausnahme zu sein. Wir wünschen ihnen viel Erfolg bei ihrer weiteren Karrieren, die sie vermutlich in anspruchsvollere Medien führen werden.
Auch nächstes Jahr werden wir wieder untersuchen, wie die Offenbach-Post jetzt mit ihren journalistischen Ansprüchen umgegangen sein wird.
Links in diesem Beitrag:
- https://www.op-online.de/deutschland/unserer-heimat-beginnt-ippen-media-tag-des-lokaljournalismus-weil-demokratie-in-zr-93719052.html
- https://www.ippen.media/ueber-uns/redaktionelle-leitlinien/
- https://www.ofa-ev.de/?s=Bieber-Waldhof
- https://www.ofa-ev.de/?s=Mathildenviertel
- https://www.ofa-ev.de/?s=Biber
- https://www.op-online.de/offenbach/neues-amt-soll-die-stadt-vernetzen-ohne-zusaetzliches-personal-94286883.html
- https://www.ofa-ev.de/11-digitalisierung-und-entbuerokratisierung/
- https://www.ofa-ev.de/12-digitalisierung-und-teilhabe/
- https://www.ofa-ev.de/46-und-letzte-sitzung/#chlorfrei
- https://www.ofa-ev.de/45-sitzung/#wasserkonzept
- https://www.ofa-ev.de/?s=Hafenmarina
- https://www.op-online.de/offenbach/trotz-anfeindungen-aktivistinnen-fordern-betreute-taubenhaeuser-94081729.html
- https://www.ofa-ev.de/1-sitzung26-31/#sittenwidrig