Annette Schaper-Herget
Die Berliner haben geschlampt und es ging in den letzten Tagen durch die Presse: Hacker sind in die Verwaltung unserer Hauptstadt eingedrungen und haben geklaut: Persönliche Daten von Bürgern und Verwaltungsmitarbeitern, Informationen über vulnerable Infrastruktur wie das Stromnetz, geheime Unterlagen der Bundeswehr oder der Wasserwerke, weitere Passwörter und mehr. Das Datenleak wurde erst nach vielen Tagen entdeckt. Weil die Stadt den Erpressern nichts zahlte, was wir richtig finden, veröffentlichten diese die Daten im Darknet. Dort kann sie jeder abgreifen, auch russische Spione und Saboteure, Erpresser und weitere Kriminelle.
Kann uns so etwas in Offenbach auch passieren? Auch wir haben vulnerable Daten, die geschützt werden müssen (wenn auch viele andere Daten, die nicht vulnerabel sind, trotzdem nicht veröffentlicht werden, Stichwort Open Data Portal. Aber das ist ein anderes Thema). Vulnerabel bei uns sind vor allem technische Details zu Wasser- und Energieversorgung. Aber auch die Funktionsfähigkeit der Verwaltung ist gefährdet und damit auch die Bürger und Bürgerinnen, die auf sie angewiesen sind. Und die persönlichen Daten der Bürgerinnen und Bürger. Deren Daten liegen in vielen Ämtern, wie z.B. im Bürgerbüro, im Standesamt, im Sozialamt und in den städtischen Gesellschaften wie der EVO und weiteren.

Was ist in Berlin passiert und warum ist das schlimm?
Der Berliner Fall wird von den Behörden und von Fachleuten analysiert. Dazu gibt es inzwischen viele Veröffentlichungen, die Links dazu findet Ihr unten auf dieser Seite.
Was man als Fazit feststellen kann: Ein Mitarbeiter hat auf einen Phishing-Link geklickt und damit unbeabsichtigterweise einen Zugang zu seinem Account eröffnet. So was passiert öfter mal. Auch wenn die Mitarbeiter gut geschult sind, kann man nicht ausschließen, dass mal jemand darauf hereinfällt. Niemand kann behaupten, dass ihm selbst das nie passieren würde. Was ist ein Phishing-Link? Vermutlich haben viele das schon erlebt: Es kommt eine Mail mit einem Anhang, z.B. „Mahnung, siehe Anhang“. Wenn man dann auf den Anhang klickt, ist es passiert: Die Mail ist gefälscht und der Angreifer bekommt durch den Klick auf den Anhang einen Zugang auf den eigenen Rechner. Das ist so, als ob ein Einbrecher heimlich irgendwie einen Hausschlüssel entwendet oder jemandem abgeluchst hat.
Aber wie kann es sein, dass gleich so katastrophal viele Daten entwendet wurden? Wenn es ein Einbrecher schafft, ins Rathaus zu gelangen, dann kann er doch noch lange nicht in alle Büros, um dort zu klauen? Aber genau so etwas ist in Berlin passiert. Nachdem der Eindringling den ersten Zugang hatte, konnte er sich damit weitere Zugangsrechte erschließen. Es gab kaum Barrieren. Unter anderem bekam er Zugriff auf den „Domaincontroller“. Dabei handelt es sich um einen Server zur zentralen Authentifizierung von Computern und Benutzern in einem Rechnernetz. Das ist so, als ob es im Rathaus einen einfachen Zugang zu einem Schlüsselbrett gäbe, wo man alle Schlüssel zu allen Büros und auch verschiedene Zugangsausweise findet. Und als ob in den Büros die Schlüssel zu den Aktenschränken einfach in den Schubladen liegen, die sich leicht öffnen lassen. Und als ob die sensiblen Daten in Kisten gepackt sind, statt in einem Tresor. Bei so einem Szenario stimmt die interne Sicherheitsinfrastruktur nicht. Man kann sich nicht herausreden, dass eben alle aufpassen müssen, dass kein Einbrecher überhaupt ins Gebäude kommt. Eine Versicherung würde sich zu Recht weigern, den Schaden zu ersetzen. Kostbare Dinge müssen in einen gut gesicherten Tresor aufbewahrt werden.
Unsere bisherigen Anfragen
Berlin hatte also eine zu schlechte IT-Sicherheit. Es gab viel zu wenig interne Barrieren. Wir fürchten, dass das typisch für viele kommunale Verwaltungen ist, auch für unser Offenbach. Aber das wissen wir nicht genau.
Nicht erst jetzt, sondern schon seit Jahren machen wir uns Sorgen um unsere Offenbacher IT-Sicherheit. Es hat ja auch schon früher digitale Erpressungsfälle gegeben. Und wir sind nicht die einzigen, die sich Sorgen machen, die Stadtverordnetenversammlung hatte schon vor vier Jahren, am 23. Juni 2022, beschlossen, dass der Magistrat zur Reduktion der Risiken und Folgen eines Cyberangriffs ein Informationssicherheitskonzept vorlegen soll. Dieses soll die Kernverwaltung mit allen Bereichen der kritischen Infrastruktur umfassen sowie den Stadtkonzern und die Eigenbetriebe. Außerdem soll der Magistrat in nichtöffentlicher Sitzung jährlich über den Sachstand berichten (Beschluss1).
Wir haben dann nach über einem Jahr, am 24.11.2023, mal nachgefragt, ob der Beschluss jetzt umgesetzt sei. In der Antwort hieß es, es müsse zuerst ein Informationssicherheitsbeauftragter (ISB) eingestellt werden müsse, der dafür zuständig sei. In einer Folgeanfrage vom 29.01.2024 wollten wir wissen, wo wir die Stellenbeschreibung finden. In der Antwort hieß es, die Stelle sei 2023 im Stellenplan eingerichtet worden, konnte aber noch nicht besetzt werden. Eine dafür notwendige Stellenbewertung sei für den Februar 2024 vorgesehen. In einer weiteren Folgeanfrage am 20.06.2024 erkundigten wir uns, ob die Stelle inzwischen besetzt sei. Außerdem wollten wir wissen, wie weit der Beschluss 2021-26/DS-I(A)0278 umgesetzt werden sollte. In der Antwort hieß es, dass eine Ausschreibung „in Kürze“ erfolgen sollte. Die Maßnahmen des Beschlusses können erst umgesetzt werden, wenn die Stelle des ISB besetzt sei. Am Tag dieser Antwort erschien jedoch eine Pressemitteilung der Stadt, in der es hieß: „Zusätzlich wird die Stadt die in 2023 und 2024 geschaffenen, aber bisher nicht besetzten Stellen erst ab 2025 ausschreiben“. In einer dritten Anfrage vom 20.07.2024 wollten wir daher wissen, welche von beiden Informationen stimme. Antwort: Die Pressemitteilung war korrekt, die Antwort auf die Anfrage nicht, die Stelle würde erst ab 2025 ausgeschrieben. Im März 2025 erschien dann tatsächlich eine Ausschreibung auf dem Stellenportal. In einer weiteren Anfrage vom 14.06.2025 erkundigten wir uns, ob die Stelle jetzt besetzt sei. Das war sie nicht, man konnte keine geeigneten Bewerber finden. Drei Jahre lang gab es also keinerlei Fortschritt und wir wissen immer noch nichts über die Sicherheit in der Offenbacher IT.
Links zu diesen Anfragen und Antworten:
| 14.06.2025 | Informationssicherheitsbeauftragte/r (ISB) die vierte2 | 29.07.2025: Antwort Informationssicherheitsbeauftragter3 |
| 20.07.2024 | Informationssicherheitsbeauftragte/r – die dritte4 | 12.08.2024: Antwort5 hierzu eine Folgeanfrage am 14.06.2025 |
| 20.06.2024 | Informationssicherheitsbeauftragte/r (ISB) die zweite6 | 18.07.2024: Antwort7 hierzu eine Folgeanfrage am 20.07.2024 |
| 29.01.2024 | Informationssicherheitsbeauftragte/r8 | 15.02.2024: Antwort9 hierzu eine Folgeanfrage am 20.06.2024 |
| 24.11.2023 | Cybersicherheit in der Offenbacher Verwaltung10 | 14.12.2023: Antwort11, hierzu eine Folgeanfrage am 29.01.2024 |
Unsere neue Anfrage
Wir haben uns die Berichte über die schlechte IT-Sicherheitsstruktur in Berlin genau angeschaut. Und nun würden wir gerne wissen, ob es bei uns genauso schlecht oder besser ist. Trotz unserer vielen Anfragen wissen wir immer noch nichts genaues. Ob es jetzt einen Sicherheitsbeauftragten gibt, und ob wir ähnlich katastrophale Lücken in der IT-Sicherheit haben wie Berlin. Auch wollen wir wissen, was in Zukunft beabsichtigt ist. Daher haben wir mal wieder nachgefragt, auch wenn wir oft dafür beschimpft werden, dass wir nicht lockerlassen (siehe hierzu: Warum schreiben wir Anfragen?12).
Anfrage: Cybersicherheit in der Offenbacher Verwaltung13
Die Anfrage wird von den Zuständigen beantwortet, die sich mit der Fachterminologie auskennen. Für die Interessierten erstellen wir hier eine Übersicht über die Fachtermini und wie man sie mit Schlüsseln, Ausweisen und Tresoren vergleichen kann.
| Sinnvolle Elemente einer Sicherheitsstruktur | Vergleiche, Erklärungen |
| Phishing-resistente Multi-Faktor-Authentifizierung für alle (MFA) | Zugang gibt es nicht nur mit einem Schlüssel, sondern auch mit einer zusätzlichen Identifizierung |
| Single Sign On Service mit einem zentralen Provider | Eine zentrale Stelle überprüft die Identität eines Zugangsberechtigten und verteilt zugehörige Berechtigungen |
| vollständige Protokollierung der Authentifizierungen und Token-Ausgaben | Alle diese Vorgänge werden protokolliert: Wer hat wann welchen Schlüssel bekommen? |
| Zero-Trust-Zugriff statt „wer einmal im Netz ist, ist vertrauenswürdig“ | Jede bekommt nur genau die Zugriffsrechte, die sie für ihre Arbeit braucht |
| strikte Netzwerksegmentierung | Architektur, die ein Netzwerk in kleinere Abschnitte oder Subnetze unterteilt, die einzeln kontrolliert werden können, wie einzelne Etagen in einem Gebäude mit jeweils eigenen Schlüsseln |
| Zugang nur, soweit benötigt („Least Privilege“) | nur autorisierte Benutzer, deren Identität verifiziert wurde, bekommen die Berechtigungen zum Ausführen verschiedener Tätigkeiten innerhalb bestimmter Systeme, Anwendungen, Daten und anderer Ressourcen |
| keine in Dateien gespeicherten Passwörter | dies versteht sich von selbst |
| Privileged Access Management (PAM) als Schutz der Administratoren-Zugänge, z.B. zeitliche Begrenzung für die Arbeit mit einem mächtigen Konto | Die Administratoren (Chefs) bestimmter sehr wichtiger und übergeordneter Anwendungen bekommen besonders mächtige Zugänge, aber immer nur solange, wie sie gerade für eine Aufgabe brauchen. |
| Endpoint Detection and Response (EDR), also ständige Überwachung der Endgeräte bezüglich ungewöhnlichen Verhaltens | Das ist wie ein Alarmsystem in einem Gebäude, das verdächtige Vorgänge erkennt, z.B. einen nächtlichen Einbrecher |
| Zentrale Sammlung und laufende Auswertung von Sicherheitsprotokollen | Dabei wird automatisch versucht, Zusammenhänge zu erkennen. Im Gebäude gibt es Z.B. jede Nacht um 02:33 verdächtige Geräusche und im Protokoll steht, dass der Sekretär Schulze-Meier immer um diese Zeit in das Gebäude kommt. |
| Schutz davor, dass Daten unberechtigt herauskopiert oder abgeführt werden | Menschliche Sicherheitsanalysten untersuchen die zentrale Sammlung und leiten Maßnahmen ein. |
Mit allen diesen Elementen wäre der Berliner Datenabfluss nicht passiert. Mit unserer Anfrage wollen wir herausfinden, ob es sie auch in Offenbach gibt oder ob zumindest geplant ist, sie einzuführen.
Wir hoffen sehr, dass unsere Stadtregierung dem Problem der Cybersicherheit jetzt eine höhere Priorität einräumt als bisher.
Zum Weiterlesen
Eine kleine Auswahl von Artikeln zum Thema ist:
- https://www.egovernment.de/senatskanzlei-aeussert-sich-nicht-zu-erpressern-a-673dfc71fbfb6e245faee57a0d0155bb
- https://www.egovernment.de/berlin-landesnetz-cyberangriff-zugangsdaten-geleakt-a-80d11b3204f5b56675f5a0c584f549ba/
- https://www.heise.de/news/BSI-erklaert-ersten-Angriffsvektor-auf-Berliner-Behoerden-11444072.html
- https://www.heise.de/meinung/Auf-Luecke-gespielt-Was-in-Berlin-den-Rhysida-Angriff-beguenstigte-11445881.html
- https://www.risknet.de/themen/risknews/berlins-digitales-sicherheitsversagen/
- https://www.tagesspiegel.de/berlin/rekonstruktion-des-berliner-hackerangriffs-wahrend-das-ultimatum-verstreicht-durchsuchen-mitarbeiter-per-hand-dokumente-16023082.html
- https://threat-informed.de/Threat_Advisory_Rhysida_2026-09.pdf
- https://www.berlin.de/cyberangriff/informationen-fuer-buergerinnen-und-buerger/
Links in diesem Beitrag:
- https://pio.offenbach.de/index.php?aktiv=doc&docid=2022-00018403&year=2022&av_dokument_id=18403&view=
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-informationssicherheitsbeauftragte-r-isb-die-vierte/
- https://www.ofa-ev.de/wp-content/uploads/2025/07/Antwort-Informationssicherheitsbeauftragter.pdf
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-informationssicherheitsbeauftragte-r-isb-die-dritte/
- https://www.ofa-ev.de/wp-content/uploads/2024/09/Informationssicherheitsbeauftragter-die-dritte-2024_273_Anfrage_Ofa_ISB_Cloud.pdf
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-informationssicherheitsbeauftragte-r-isb-die-zweite/
- https://www.ofa-ev.de/antwort-informationssicherheitsbeauftragter-die-zweite/
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-informationssicherheitsbeauftragte-r-isb/
- https://www.ofa-ev.de/antwort-informationssicherheitsbeauftrage-r-isb/
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-cybersicherheit-in-der-offenbacher-verwaltung/
- https://www.ofa-ev.de/antwort-cybersicherheit-in-der-offenbacher-verwaltung/
- https://www.ofa-ev.de/2024/06/04/warum-stellen-wir-anfragen/
- https://www.ofa-ev.de/cybersicherheit-in-der-offenbacher-verwaltung/