Man sieht sich immer zweimal – die zweite Insolvenz von manroland

21. April 2026

Helge hat fast sein ganzes Berufsleben bei manroland gearbeitet, zuletzt jahrelang als Leiter der Gießerei. Nach der ersten Insolvenz erschloss er neue Geschäftsfelder für die Gießerei, insbesondere Gussrahmen für Klaviere und Flügel.
Am zweiten April hat er einen Beitrag zum Thema Insolvenz auf Bloghaus veröffentlicht: https://bloghaus.eu/eine-folge-von-irrtuemern/. Wir fügen diesen Beitrag noch einmal weiter unten an.
Nun wurde bekannt, dass Manroland Sheetfed endgültig geschlossen wird und der Standort in Offenbach vor dem Aus steht.

von Helge Herget

Eine Ära geht zuende

Die Aufgabe eines Insolvenzverwalters ist schwer. Er soll die Fortführung eines Unternehmens in „Schieflage“ sicherstellen. Der Insolvenzverwalter Geiwitz hat das vor 15 Jahren geschafft bei manroland, indem er die Firma an die Langley Holding verkauft hat. Ich bin mir sicher, dass alle anderen Bewerber manroland schnell filetiert und abgewickelt hätten.

15 Jahre sind eine lange Zeit, der Druckmaschinenmarkt ist hart und wird von wenigen großen Playern bespielt. Trotzdem dürfte der Insolvenzverwalter enttäuscht sein, dass jetzt wieder eine Insolvenz ansteht. Bisher ist keine einzige der von der Langley Holding erworbenen Firmen in eine in Insolvenz gegangen. Der jetzige Vorgang ist einmalig und so bestimmt nicht geplant gewesen. Trotzdem hat Langley scheinbar keine Möglichkeit, das Ersatzteilgeschäft und die Markenrechte vom Insolvenzverwalter zu kaufen. Der Insolvenzverwalter scheint der Langley Holding nicht mehr zu vertrauen, dass sie dieses Geschäft in Zukunft erfolgreich betreiben kann. Ist das das Ende der Ersatzteilfertigung? Es ist zu vermuten, dass der Insolvenzverwalter dieses Geschäft lieber an jemand anderen verkauft, z.B. Heidelberger Druckmaschinen. Für die ist es sehr wichtig, das Ersatzteilgeschäft zu bekommen, da es finanziell sehr lukrativ ist. Heidelberger hat auch das Interesse, weiterhin das Großformat von manroland als Heidelberger zu verkaufen und auch dafür die Ersatzteilfertigung zu übernehmen.

Die Langley Holding besitzt aber noch die Grundstücke, denn die sind nicht Teil der Insolvenzmasse. Unser Oberbürgermeister droht schon mit Planungsrecht für diese Grundstücke. Vielleicht wird er für die Stadt Offenbach bald selbst einen Teil davon gebrauchen können. Und dann ist er auf Langley angewiesen. Langley vertritt knallharte Wirtschaftsinteressen. Eine Auffanggesellschaft passt da leider nicht rein. Bisher hatte er auch keine Eile beim Verkauf von Grundstücken. Es ist bitter, aber daher wird die eher hilflose Drohpolitik vermutlich verpuffen und vielleicht sogar kontraproduktive Effekte haben.

Hier werden in der Gießerei von Manrolan Sheetfed Klavierrahmen gegossen. In der Gießerei wurden nicht nur Teile für Druckmaschinen gegossen, sondern auch für andere Auftraggeber. Fast alle Klaviere deutscher und europäischer Herstellen enthalten Klavierrahmen made in Offenbach.

Eine Folge von Irrtümern

Das Folgende wurde ursprünglich veröffentlicht am 2. April von bloghaus.eu

Die 1871 in Offenbach gegründete Firma Faber & Schleicher war einer der ältesten und zugleich international renommierten Druckmaschinenhersteller der Welt. Die Maschinen Marke Roland waren begehrt. Die „Verkäufer“ fuhren zu den Druckereien und prüften, ob diese würdig genug waren, eine Maschine aus Offenbach zu erhalten. Und dann betrug die Lieferzeit zwei bis drei Jahre! Das waren goldene Zeiten! Es gab Werkswohnungen, ein Erholungsheim für die Mitarbeiter und Sonderzahlungen. Wer bei „Faber“ arbeitete, brauchte bei einer Wohnungssuche keinen Gehaltsnachweis. Zwei bis drei Familiengenerationen arbeiteten dort zusammen und eine Stelle bekam man nur, wenn man dort Verwandte hatte und in die Gewerkschaft eintrat. Das war gesetzt. Das Unternehmen wurde 1871 gegründet und ist damit einer der ältesten Druckmaschinenhersteller der Welt.

1973 kam die Stahlkrise und damit die erste große Krise für Faber & Schleicher, denn der Absatz ging zurück. Deshalb sah man sich nach neuen Geschäftsfeldern um. Bisher hatte man nur Bogenmaschinen für den Lithodruck produziert. Die Konkurrenz bot jedoch auch Rollenmaschinen an, beispielsweise für den Zeitungsdruck. Also konstruierte man auch eine solche und fand schnell einen Abnehmer in unmittelbarer Nähe: den Bintz-Verlag mit der Tageszeitung Offenbach-Post. Wegen der vielschichtigen Probleme mit dem Prototyp ging dieser dann zwar nicht in Serie. Gleichwohl war ein neuer Anbieter auf dem Markt der Rollenmaschinenhersteller, der sogleich von einem der großen Wettbewerber, MAN in Augsburg, aufgekauft wurde. Aus der Firma Faber & Schleicher wurde der Großkonzern MAN Roland. Das hatte Einfluss auf die Entscheidungsstruktur, die nun umfangreicher und unflexibler wurde und schnelle Entscheidungen behinderte.

Championship verpasst

Druckmaschinen wurden immer schneller.  Der Markt verlangte nach 5000, 7000 oder 10 000 bedruckten Papierbögen pro Stunde. Die Technik stieß an ihre Leistungsgrenzen. Bis dato konnte ein Druckwerk zwei Farben auf einmal drucken; es funktionierte mit fünf einzelnen Rollen. Für den Vierfarbdruck waren daher zwei Druckwerke hintereinander geschaltet. Allerdings war der Aufbau eines solchen Druckwerks komplizierter als der eines Ein-Farben-Druckwerks, das mit drei Rollen auskam. Vor allem war es langsamer. Wenn es auf die Geschwindigkeit des Drucks ankam, war es besser, vier Ein-Farben-Druckwerke hintereinander zu schalten als zwei Zwei-Farben-Druckwerke, auch wenn eine solche Maschine mehr Material und Teile benötigte und in der Herstellung größer und teurer war. Leider glaubte man viel zu lange, an den bisherigen Maschinen mit nur zwei Druckwerken festhalten zu müssen. Man dachte, eine Umstellung würde sich nicht rechnen. Ein fataler Irrtum! Während andere Hersteller vom Fünf-Zylinder-Prinzip weggingen und die Druckgeschwindigkeit erhöhten, verlor MAN Roland einen Auftrag nach dem anderen. Schließlich verabschiedeten sich auch die Offenbacher vom Fünf-Zylinder-Prinzip, hinkten der Konkurrenz dann aber in den Entwicklungen hinterher.

Der Konzern MAN war finanziell stark und kaufte einen Mitbewerber nach dem anderen auf, darunter so namhafte wie Miller, Mabeg, Plamag und weitere. Bedauerlicherweise gestaltete sich die Integration dieser Firmen in den Konzern jedoch nicht harmonisch und wirtschaftlich erfolgreich. Es gab aber auch positive Entwicklungen. Die ersten Digitaldruckmaschinen kamen von MAN Roland. Drei Stück wurden nach Saudi-Arabien verkauft. Der Vorstand entschied jedoch, dass der Digitaldruck dem Offsetdruck unterlegen sei und eine Sackgasse darstelle, und stellte das Digitaldruckprojekt ein. Das war eine fatale Fehlentscheidung, es hätte ein Industriechampion entstehen können.

Leider gab es noch eine ganze Reihe weiterer Fehlentscheidungen. Die Entwicklung weiterer Maschinen wurde auf den zukünftigen Bedarf an Papierformaten, also die Größe der Papierbögen, ausgerichtet. Dieser Bedarf wurde sogar wissenschaftlich untersucht und man kam 1995 zu dem Schluss, dass die Formate 4, 5 und 6 zukunftsträchtig seien. Alle anderen Projekte wurden eingestellt. Tatsächlich waren jedoch die Formate 6 und 7 gefragt, während 4, 5 Ladenhüter waren. Die Formate 7 und 8 konnten jedoch nicht geliefert werden, sodass man wieder dem Markt hinterher entwickelte. Erst 2003 konnte MAN Roland Druckmaschinen auch für die Formate 7 und 8 anbieten.

Ein weiteres Beispiel für Fehlentscheidungen ist das Kapitel Blechdruckmaschinen – ein lukrativer Markt. Im Jahr 2006 ging der Hersteller LTG Mailänder insolvent. Obwohl man bereits die Know-how-Träger der Firma angeworben und ein eigenes Modell im Angebot hatte, entschied man sich gegen einen eigenen Vertrieb und für eine Kooperation mit König und Bauer (K&B). Diese sollten die Roland-Blechdruckmaschinen mitverkaufen. Doch K&B verkaufte fast nur seine eigenen Maschinen. Wieder eine fatale Fehlentscheidung, zumal in der Gießerei von Roland bereits ein eigener Werkstoff für die hohe Belastung des Druckzylinders in einer Blechdruckmaschine entwickelt worden war. Mit dieser Erfindung hätte man den Markt für Blechdruckmaschinen komplett übernehmen können.

Als MAN noch ein DAX-Konzern war, hätte Heidelberger Druckmaschinen gerne den Rollenbereich übernommen. Doch MAN lehnte mehrmals ab. Dann kam es auf dem LKW-Sektor zwischen VW, Scania und MAN zu Übernahmeversuchen und Bietergefechten. Dabei war der Druckmaschinenbereich das fünfte Rad am Wagen. Also wurde er von MAN an den Hedgefonds Allianz Capital Partners verkauft. Der neue Name lautete nun manroland. Euphorisch wurde ein Börsengang vorbereitet. Die Begeisterung des Vorstands für diese Kapitalmaßnahme erklärt sich dadurch, dass fünf Prozent der Aktien als Gratifikation beim Börsengang an den Vorstand verteilt werden sollten. Doch die guten Jahre waren vorbei. Es gab zu viele Fehlentscheidungen. Der Börsengang musste abgesagt werden. Stattdessen wurden 200 Millionen Euro nachgeschossen, was die erste Insolvenz 2011 nicht verhindern konnte.

Das Rennen um die Übernahme der Firma machte die Langley Holding, ein in Familienbesitz befindlicher, weltweit operierender, mehrspartig aufgestellter Engineering- und Industriekonzern. Der punktete beim Insolvenzverwalter mit seiner Haltung „Gekauft wie gesehen, ich nehme alles!“ Damit trug der Insolvenzverwalter kein Risiko. Der Kaufvertrag umfasste keine 150 Seiten mit komplexen Bedingungen und undurchschaubaren Regelungen, sondern war schlicht und klar.

Die Übernahme durch Langley war ein großes Glück für manroland, das in Manroland Sheetfed umbenannt wurde. Es wurden nun wirtschaftlich vernünftige Entscheidungen getroffen. Ein Spruch, den die Führungskräfte oft zu hören bekamen, war: „Ihr bekommt kein Geld von mir, ihr müsst euch das Geld selbst verdienen.“ Das wurde auch so umgesetzt.


Gussrahmen für Flügel

Nun hat sich der Markt innerhalb von 15 Jahren radikal gewandelt, für die Offenbacher waren die Veränderungen zu schnell und zu heftig: Die Nachfrage nach Druckmaschinen ist drastisch gesunken und es gibt ein Überangebot. Ein weiterer Klotz am Bein ist die extrem hohe Fertigungstiefe. Vom Gussteil bis zur Elektronik wird alles im eigenen Haus gefertigt. Das ist bei einer Druckmaschine auch wichtig, aber eine Gießerei mit einer Kapazität für 20.000 Jahrestonnen lässt sich nicht einfach auf 2.000 Jahrestonnen herunterfahren. Und so ist das mit allen Kapazitäten. So kam es in 2026 zur zweiten Insolvenz.

Der Insolvenzverwalter hat eine schwere Aufgabe. Es ist übrigens der gleiche wie letztes Mal. Nur hat er aktuell wenig anzubieten. Grundstücke und Gebäude sind nicht Insolvenzmasse. Trotzdem gibt es genug Interessenten. Unter anderem das Ersatzteilgeschäft ist lukrativ. Heidelberger verbaut Roland-Maschinen im Großformat und verkauft sie als eigene. Dort hat man das Geschäft schon aufgegeben, zumindest was die Eigenfertigung betrifft. Es wird schwer, in Offenbach die Eigenständigkeit zu bewahren. Noch gibt es Hoffnung, dass es klappt.

Dieser Flügel mit einer gebogenen Tastatur ist eine Spezialanfertigung der Klavierfirma Maene für den Stararchitekten Rafael Viñoly. Hierfür wurden bei Manroland mehrere Gussrahmen hergestellt.

Übrigens: In Rechenzentren sind Gussteile von Manroland Sheetfed für die Notstromversorgung verbaut, eine Werkstoffentwicklung aus der Offenbacher Gießerei. Wer in einem Konzert einem Klavierflügel lauscht, sollte wissen, dass in ihm wahrscheinlich ein Gussrahmen aus dem Hause Manroland Sheetfed verbaut ist. Auch Daniel Barenboim vertraut auf Guss von Roland: Die Rahmen von drei speziell für ihn angefertigten Konzertflügeln wurden in Offenbach gegossen. Wenn die Gießerei schließen würde, wären alle Klavier- und Flügelhersteller in Europa – von Maene in Belgien bis Fazioli in Italien – schwer getroffen. Vor Kurzem wollte Steinway & Sons in Hamburg noch 1.000 Flügelrahmen bestellen. Da blutet mir das Herz.

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