3. Mathildenviertel-Treffen: Ein Viertel wehrt sich

13. April 2026

von Lea Hanke

An einem Dienstagabend im März sitzt ein Kreis von 20 bis 30 Menschen in einem Raum im Mathildenviertel in Offenbach. Manche sind schon seit Längerem dabei, andere sind zum ersten Mal gekommen, einige kommen sogar aus anderen Vierteln, um zu unterstützen. Sie alle treibt die Sorge um einen besonderen Ort um, und das Gefühl, dass wichtige Entscheidungen ohne echte Beteiligung der Menschen vor Ort getroffen werden. 

Ein Ort, der mehr ist als ein Grundstück

Wer heute durch das Mathildenviertel läuft, sieht viel Stein, dichte Bebauung und nur wenig Platz zum Durchatmen. Früher war es hier deutlich grüner, mit Wasserläufen wie dem Hainbach, und lange Zeit wurde an solchen Stellen bewusst nicht gebaut. Stattdessen stand dort eine Villa, ein begehrter Wohnort, der im Krieg zerstört wurde. In einer Stadt, in der besondere Orte selten sind, wirkt dieser Platz auf viele wie ein Stück Identität, das nicht einfach überplant werden soll. 

Als das Sparkassengebäude gebaut wurde, versuchte man zumindest noch, es in die Umgebung einzupassen und auf das Umfeld Rücksicht zu nehmen. Für viele Anwohnerinnen und Anwohner war dieser Ort nie nur „eine Fläche“, sondern ein Raum zum Leben – mit Geschichte, Beziehungen und Erinnerungen. 

Nochmal: Was gerade passiert

2022 wurde das Grundstück von einem Investor gekauft, seitdem laufen Planungen für eine neue, große Bebauung. Schon der Bau der Tiefgarage des Supermarkts in der Nähe hat deutliche Spuren hinterlassen: Setzrisse in Häusern, abgesackte Straßen, ein Untergrund, der offenbar in Bewegung ist. 2014 wurde die Straße erneuert, später stellte sich heraus, dass sie nach dem Supermarktbau wieder eingesackt ist und einzelne Platten locker wurden.

Seit Anfang 2025 finden Gespräche zwischen Investor und Stadt statt, über deren Inhalte öffentlich nur wenig bekannt ist. Der Gestaltungsbeirat diskutierte die geplante Bebauung im Juli 2025 – zwar öffentlich, aber ohne Rederecht für Bürgerinnen und Bürger. Die zuständigen Stellen kamen zu dem Schluss, dass grundsätzlich ein Baurecht besteht, solange sich das Projekt in die Umgebung einfüge; eine Blockrandbebauung gelte in diesem Sinne als passend.

Zeichnung von Paul Carmichael

Parallel dazu steht ein Wechsel im Baudezernat an: Ein neuer Dezernent beziehungsweise eine neue Dezernentin wird das Amt übernehmen. Damit stellen sich zusätzliche Fragen, die in der Runde immer wieder mitschwingen: Gab es vom bisherigen Bauamt bereits verbindliche Zusagen gegenüber dem Investor – und was passiert, wenn eine neue Bewertung der Lage im Widerspruch zu früheren Einschätzungen steht? Würde die Stadt in einem solchen Fall eher an alten Zusagen festhalten, um mögliche Schadensersatzansprüche zu vermeiden, oder eröffnet der Wechsel im Amt die Chance, Entscheidungen neu zu prüfen und stärker am Gemeinwohl im Viertel auszurichten?

Gleichzeitig enthält das Planungsrecht Anforderungen an gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen – ein Punkt, bei dem viele Anwohnende sich fragen, ob er ausreichend berücksichtigt wird.

Eine Bürgerfragestunde ohne Antworten

Bei der Bürgerfragestunde am 5. Februar hofften viele auf Aufklärung. Statt klarer Antworten blieb der Eindruck zurück, dass kaum eine der im Vorfeld eingereichten Fragen wirklich konkret beantwortet wurde. Teilnehmende berichten, es wirkte, als seien einige Anliegen gar nicht ernsthaft gelesen oder aufgegriffen worden. Als nach bereits bestehenden Schäden wie Setzrissen gefragt wurde, verwiesen Verantwortliche auf andere Stellen; zeitweise wurde sogar suggeriert, Bäume seien für die Probleme verantwortlich – für viele im Saal kaum nachvollziehbar. 

Auch in den folgenden Tagen fühlten sich Engagierte immer wieder gebremst: Einladungen ins Rathaus kamen sehr kurzfristig, Einsicht in Unterlagen blieb schwierig, und auch in der Stadtverordnetenversammlung kam ein Eilantrag von Ofa für einen Bebauungplan für das Gelände nicht durch. Ein Bebauungsplan existiert nämlich zur Zeit noch nicht. Aber er wäre wichtig, denn er könnte genauer festlegen, wie eine Gestaltung, die zum Viertel passt, aussehen sollte. Wir haben den Eilantrag gestellt, weil wir fürchteten, dass der Bauherr die Zeit bis zur nächsten Sitzung nutzen könnte, um schnell seine Pläne genehmigt zu bekommen. Denn mit dem neuen Bauturbo der Bundesregierung wäre das möglich gewesen. Deshalb unsere Eile! Der Antrag wurde aber gar nicht behandelt, es wurde nur seine Dringlichkeit abgelehnt. Und die Begründung dafür hat uns beruhigt: Denn es wurde von Koa-Vertretern versichert, dass eine direkte Baugenehmigung derzeit nicht unmittelbar bevorstehen würde. Das war eine wichtige Information, denn der größte Zeitdruck ist etwas geringer. Wir hoffen natürlich, dass diese Information stimmt und werden den Antrag natürlich so bald wie möglich wieder stellen. 

Worum es wirklich geht

Bei einem der Treffen wird deutlicher, worum es den Menschen im Mathildenviertel im Kern geht. Eine Studie der AOK bescheinigt Offenbach die höchste Depressionsrate Deutschlands – unter anderem bedingt durch Arbeitslosigkeit, geringes Einkommen und ein hohes Maß an Urbanität. Vor diesem Hintergrund empfinden viele Bewohnerinnen und Bewohner den Verlust von Grün, Licht und Aufenthaltsqualität als zusätzliche Belastung. 

„Ich liebe diese Stadt und ich liebe dieses Viertel“, sagt eine Person in die Runde, und es wird still im Raum. Kaum jemand bestreitet, dass Wohnungen gebraucht werden. Aber sie sollen bezahlbar sein und nicht zu Lasten von Sicherheit, Klima und Nachbarschaftsleben entstehen. Zeichnungen der geplanten Bebauung haben viele erschreckt; beschrieben wird ein Baukörper, der als massiv, schwer und wenig sensibel für den instabilen Untergrund wahrgenommen wird. 

Für ein achtstöckiges Gebäude werden rund 6.000 Tonnen zusätzliches Gewicht genannt, die auf einen ohnehin problematischen Boden drücken würden. Probebohrungen einer Firma aus Wiesbaden gingen bis in fünf Meter Tiefe – vielen erscheint das zu wenig, um abzuschätzen, welche Auswirkungen eine solche Bebauung auf die benachbarten Gebäude hätte. 

Engagement wächst

Trotz aller Unsicherheit: Die Initiative im Viertel ist gewachsen. Menschen haben sich vernetzt, Kontakte geknüpft, eine Petition gestartet und Unterschriften am Wilhelmsplatz gesammelt. 961 Unterschriften liegen derzeit vor – für ein kleines Viertel ein sichtbares Zeichen, zumal weitere Aktionen wie ein Infostand am Wochenmarkt diskutiert werden.

Auch in der Politik regt sich etwas: Vertreterinnen und Vertreter einzelner Parteien signalisieren Gesprächsbereitschaft, auch wenn die Positionen zur Bebauung nicht einheitlich sind. Gleichzeitig beschäftigt die Engagierten eine Frage: Wie lässt sich das Thema so aufbereiten, dass es über das Viertel hinaus ernst genommen wird – in einer Stadt, in der viele mit ganz anderen Problemen kämpfen? 

Ein Viertel sucht seine Stimme

Im Mathildenviertel hat sich die Bewohnerschaft in den vergangenen zehn Jahren stark verändert, viele der früheren Bewohnerinnen und Bewohner sind weggezogen. Umso wichtiger waren neue Orte:  etwa Kita, Park und Treffpunkte, die Menschen zusammenbringen und neue Bindungen ermöglichen. Nun befürchten manche, dass eine dichte Neubebauung genau diese gewachsene Nachbarschaft wieder unter Druck setzen könnte. 

Und doch zeigt der Abend im März, dass sich etwas formt: Menschen, die sich früher kaum kannten, sitzen zusammen, sammeln Informationen, strukturieren Argumente und planen nächste Schritte. Sie wollen, dass Entscheidungen nicht „über“ das Viertel getroffen werden, sondern gemeinsam mit denjenigen, die hier leben: damit dieser Ort mehr bleibt als nur eine berechnete Fläche im Stadtplan.

Bisherige Beiträge zum Thema

Einlantrag Ofa:

Petition: es werden weitere Unterschriften gesammelt:



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