Trockenwählen in Offenbach: Wenn die Demokratie Durst hat und nur andere Städte Bier ausschenken.

15. März 2026

von Lea Hanke

In Offenbach ist wieder Kommunalwahl, und man merkt es daran, dass plötzlich alle so tun, als hätten sie schon immer ein leidenschaftliches Verhältnis zur Kommunalpolitik gehabt. Bis gestern wusste niemand, wer im Stadtparlament sitzt, heute diskutiert man in der Schlange vor dem Wahllokal über Straßenausbau, Bebauung, Kita-Gebühren und natürlich die einzig wahre Frage: „Gibt’s hier eigentlich auch was zu trinken?“

In Offenbach lautet die Antwort: Ja, es gibt was zu trinken. Aber nicht so, wie Sie es vielleicht zu hoffen vermögen. Wasser. Saft, wahrscheinlich lauwarm. Wenn Sie besonders viel Glück haben, bekommen Sie ja sogar eines der heiß begehrten Sektgläser, bis dieser sich als alkoholfrei entpuppt. 


Stellen Sie sich also den typischen Wahlsonntag heute vor: Sie gehen ins Wahllokal, treffen dort in der Schlange die Hälfte ihres Viertels und sind gezwungen, Smalltalk zu halten, wie groß man denn geworden sei, wie wechselhaft das Wetter momentan sei, ob einem die eigene Arbeit Spaß mache und ob man die neuesten News aus der „Mein schönes Bieber“ Facebook Gruppe schon gelesen hätte. Dann falten Sie akribisch Ihren Stimmzettel, werfen ihn ein und Sie werden freundlich erinnert, dass Ihre Entscheidung wichtig für die Zukunft sei.

Nach all dieser anstrengenden Nummer ist die Lust nach einem frischen, kalten und spritzigem Bier besonders groß. Problem ist: die größte mögliche Versuchung danach ist höchstens der Snack auf der öffentlichen Wahlparty. 

Während Offenbach sich also redlich Mühe gibt, nicht einmal den Hauch von stimme gegen Schaumkrone zu vermitteln, schaut man nun neidvoll in andere Ecken der Welt, in denen Menschen fürs Wählen mehr bekommen als Kreuze, Abdrücke vom Kugelschreiber und das gute Gefühl, „seine Bürgerpflichten erfüllt zu haben“. In manchen Städten gibt es nämlich Bier. Ein Gratisbier fürs Wählen. Natürlich nicht als Bestechung, mehr als Motivationsschub.

Bildquelle: Pixaby

In den Seychellen wurde beispielsweise der Bierausschank für mehrere Tage vor der Wahl gestoppt. Wenn man jedoch Wählen war und nach der Urnen-Zeremonie den mit Tinte versehenen Daumen an der Stammbar vorzeigte, gab es ein Bier aufs Haus. Dass die Wahlbeteiligung in diesem Jahr stark anstieg, ist meiner Meinung nach klar und verständlich.

Mit den 7.600 Kilometern Luftlinie sind die Seychellen jedoch weit entfernt von unserem geliebten Offenbach und solch ein feuchter Bier-Traum scheint unerreichbar für uns zu sein. Doch auch im nur 255 Kilometer Autofahrt entfernten Duisburg gab es bei der Bundestagswahl 2025 einen Versuchungsakt: Nach dem Wählen bekam man einen Gutschein für ein Bier von der örtlichen Brauerei. Ein früherer Versuch fand schon mit alkoholfreiem Bier statt, doch blieb die Wahlbeteiligung (logischerweise) flach.

Bildquelle: Mit KI generiert

In Offenbach hingegen bleiben die Gläser leer. Keine Gutscheine, keine Zapfanlage, kein kühles Bier. Das Absurde meiner Meinung nach ist: Niemand will, dass Stimmen käuflich werden. Das Überschütten von Flyern, Porträts und Slogans, die eher nach Motivationspostern klingen, scheint in Ordnung zu sein. Aber sobald jemand ein Bier hinstellt, ruft der Reflex: „Moment mal, so geht das aber nicht!“ 

Vielleicht ist das ja der eigentliche kommunale Graben unserer Zeit: Hier Städte, die überzeugt sind, dass politische Bildung genügt, dort Städte, die sagen: Bildung ja, aber wenn’s ein Pils dazu gibt, schadet es auch nicht. Und mittendrin Offenbach, wo der Wähler am Abend der Kommunalwahl auf der nüchternen Wahlparty steht, an seinem Wasser nippt und auf die Ergebnisse wartet, wie auf Prüfungsergebnisse. 

Am Ende dieser Wahl bleibt also alles korrekt, sauber und vorbildlich. Vielleicht ist das auch genau richtig so. Aber man wird ja wohl heutzutage träumen dürfen: Von einem utopischen Land, in dem man seine Stimme ganz ohne Druck gibt. Und danach wenigstens eine Runde anstoßen darf, nicht nur auf die Demokratie, sondern auch auf ihren und unseren Durst. 

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