von Lea Hanke
Beim zweiten Treffen des Netzwerks „Bauprojekt Bieberer Straße 39“ am 27. Januar war der Raum deutlich voller als beim ersten Mal. Viele aus der Nachbarschaft kannten das Projekt bisher nur vom Hörensagen und wollten genauer wissen, was konkret geplant ist und welche Folgen das für ihre Häuser und den Alltag haben könnte. Aus dem spontanen Interesse ist inzwischen ein Netzwerk entstanden, in dem sich Privatpersonen und Gewerbetreibende gemeinsam organisieren – mit einem klaren Tenor „gegen den Betonbauklotz“.
Gleich zu Beginn wurde berichtet, dass kürzlich ein Vermessungstrupp der Stadt im Gebiet unterwegs war und das Grundstück sowie die Umgebung genau ausgemessen hat. Außerdem wurde jemand gesehen, der eine wohnkundliche Untersuchung durchgeführt hat. Das sind deutliche Zeichen dafür, dass die Vorbereitungen für das Bauvorhaben im Hintergrund bereits in vollem Gange sind.
Was die Leute besonders beunruhigt

Im Treffen wurde noch einmal zusammengetragen, was über das Vorhaben bekannt ist: Geplant sind etwa 160 eher kleine Wohnungen, rund 90 Garagenplätze, keine Sozialwohnungen und der Abriss der bestehenden Bebauung, einschließlich Rewe und Sparkasse. Im Raum fielen Begriffe wie „Monolith“ oder „Kreuzfahrtschiff in Venedig“, um die Wirkung des geplanten Baukörpers auf das Viertel zu beschreiben. Viele befürchten, dass sich die Parkplatzsituation mit dem Projekt weiter verschärft und der Fokus vor allem auf maximalen Gewinn liegt.
Sehr konkret wurde über Schäden an Gebäuden gesprochen: IN vielen Häusern gibt es bereits Risse, und der Boden reagiert empfindlich auf Eingriffe. Schon beim Bau des heutigen Supermarkts kam es zu Rohrbrüchen – „das Haus hat gewackelt“. Erlebnisse, die den Blick auf eine neue Tiefgarage mit 90 Stellplätzen besonders kritisch machen. Mehrfach wurde betont, dass der Untergrund im Bereich des alten Heinbachs problematisch ist und bei neuen Bauprojekten ein unabhängiges Gutachten nötig wäre, bevor weitere Risiken eingegangen werden.
Klima, Luft, Altbau – und was verloren gehen könnte
Ein wichtiger Punkt war die Frage, wie sich ein hoher, geschlossener Baukörper auf Klima und Durchlüftung auswirkt. Die Anwesenden beschrieben, wie heute Frischluft durch die Straßen ins Viertel zieht und wie sensibel die Situation gerade in engen Straßen wie der Kraftstraße ist. Wenn an der Bieberer Straße ein bis zu achtstöckiges Gebäude mit geschlossenem Innenhof entsteht, droht diese Durchlüftung weiter eingeschränkt zu werden – ein Risiko gerade in den immer heißer werdenden Sommern.
Dazu kommt der Blick auf die vorhandene Bausubstanz: Im Mathildenviertel gibt es noch seltene Altbauten und eine Struktur, die lange eine grüne Luftlücke an dieser Stelle vorgesehen hat. Im Treffen wurde erinnert, dass hier einmal eine Villa mit Park stand und dass die nachfolgende Bebauung sichtbar Rücksicht auf diese offene Struktur genommen hat. Viele fragen sich daher, ob eine geschlossene Blockrandbebauung an dieser Stelle überhaupt sinnvoll ist und ob es bereits eine Stellungnahme des Denkmalschutzes gibt – eine zentrale Frage, die für den 5. Februar vorbereitet wurde.

Verkehr, Dichte und soziale Folgen
Sehr greifbar waren die Diskussionen zu Verkehr und sozialer Entwicklung. Schon heute ist der Parkdruck hoch, und die wenigen Stellplätze im öffentlichen Raum sind dauerhaft belegt. Für das geplante Projekt stehen etwa 90 Stellplätze im Raum, draußen gibt es rund 30 Stellplätze – das passt aus Sicht vieler Anwohnerinnen und Anwohner nicht zu 160 Wohnungen. Die Aussage des Investors, es werde vieles leer bleiben, weil zukünftige Bewohnerinnen und Bewohner weniger Auto fahren würden, wurde als wenig überzeugend empfunden.
Gleichzeitig ging es um die soziale Dimension: Neubau mit hohen Preisen wirkt sich auf das gesamte Umfeld aus. Im Viertel gibt es bereits ein Beispiel, wo in einem Neubau mehrere Wohnungen bei AirBnB gelandet sind, weil die Mieten so hoch sind, dass sich kleinere Haushalte diese Wohnungen kaum leisten können. Teilweise werden sogar Schlafzimmer ohne Fenster geplant – für viele im Raum ein Sinnbild dafür, wie weit sich reine Renditeprojekte von einem gesunden, lebenswerten Wohnen entfernen.
Was die Politik bisher getan hat – und was noch offen ist

Im Rückblick wurde daran erinnert, dass das Projekt bereits mehrfach im Gestaltungsbeirat lag: Ende 2024, im Sommer 2025 und erneut im November 2025. Der Beirat war zunächst kritisch, vor allem was die Dichte angeht, hat den überarbeiteten Entwurf am Ende aber ohne fachliche Prüfung oder Beteiligung der Anwohnerschaft akzeptiert. Aus dieser Unzufriedenheit heraus wurde an einem dieser Abende das Netzwerk gegründet, mit dem klaren Ziel, dem Projekt nicht einfach tatenlos zuzusehen.
Die Initiative hat inzwischen zahlreiche Behörden kontaktiert, Fragen an den Ausschuss für Umwelt, Stadtplanung und Verkehr formuliert und Akteneinsichten beantragt. Am 5. Februar wurden diese Fragen in einer städtischen Veranstaltung beantwortet, allerdings ohne Rederecht für die Initiative – ein Punkt, der im Treffen als demokratiepolitisch problematisch bewertet wurde. Politisch stehen zwei Wege im Raum: Entweder das Projekt wird auf Basis des bestehenden Baurechts umgesetzt, weil es sich aus Sicht des Magistrats „einfügt“, oder die Stadtverordneten entscheiden, dass die Konflikte so gravierend sind, dass ein Bebauungsplan nötig ist.
Kurzfassung: Was das Baudezernat schreibt
Circa zwei Wochen nach dem Treffen wurde auch eine schriftliche Antwort des Baudezernats auf Nachfragen aus der Nachbarschaft präsentiert. Die wichtigsten Punkte lassen sich knapp zusammenfassen:
- Die Abstandsflächen nach § 6 Hessischer Bauordnung seien nach Berechnung eingehalten. Damit seien Belichtung, Belüftung, sozialer Abstand und das Vermeiden einer „erdrückenden Wirkung“ aus Sicht der Bauaufsicht gewährleistet.
- Konkrete Fassadengestaltungen gebe es noch nicht, derzeit würden nur Baukörper (Kubaturen) diskutiert. Die Stadt habe baurechtlich kaum Möglichkeiten für detaillierte Gestaltungsvorgaben und setze auf Gespräche mit der Bauherrschaft.
- Denkmalschutz könne über einen begrenzten Umgebungsschutz gewisse Rücksichten einfordern, erlaube aber keine einfache Wiederholung der historischen Architektur. Eine moderne Gestaltung sei rechtlich zulässig.
- Für das Grundstück gelte § 34 BauGB (unbeplanter Innenbereich). Nach Einschätzung von Stadtplanung und Bauaufsicht füge sich der aktuelle Entwurf nach einem längeren Anpassungsprozess in den Rahmen der Umgebung ein und nutze diesen Rahmen voll aus, ohne „Abweichungen“ zu beanspruchen.
Damit wird deutlich, dass die Verwaltung das Vorhaben im bestehenden Rechtsrahmen als zulässig einstuft – und dass die entscheidende Auseinandersetzung vor allem politisch geführt werden muss: über die Frage, ob es einen Bebauungsplan geben soll und wie viel Dichte, Verkehr, bauliche Risiken und soziale Veränderung das Mathildenviertel tragen kann.
Wie es mit dem Netzwerk weitergeht
Zum Abschluss des Abends sammelte die Runde konkrete nächste Schritte: weitere Akteneinsichten, Kontakt zu Fachleuten (zum Beispiel aus der Stadtbaukunst), direkte Gespräche mit politisch Verantwortlichen und die Prüfung einer Petition. Parallel dazu soll das Thema im Viertel breiter bekannt gemacht werden. Durch Gespräche im Alltag, Infomaterial und Medienarbeit.
Viele betonten, dass die Bewegung bereits über starke Argumente verfügt, es aber noch an Foren fehlt, in denen diese Argumente wirklich Gewicht bekommen. Das zweite Treffen hat gezeigt, wie groß der Wille ist, sich einzumischen, bevor unumkehrbare Entscheidungen getroffen werden – und dass das Mathildenviertel mehr ist als ein Grundstück, das „maximiert“ werden kann.
Hier unten geht’s zur Petition!
https://weact.campact.de/petitions/gegen-das-mega-bauprojekt-am-mathildenplatz