von Lea Hanke
Die Veranstaltung im Offenbacher Bernardbau hat eindrucksvoll gezeigt, wie groß der Frust über den Fluglärm ist, und wie wenig sich politisch bewegt, obwohl seit Jahren darüber gesprochen wird.
Ein Abend voller Sachlichkeit – ohne greifbare Lösungen
Zu Beginn führten Ingrid Wagner (BIL) und Stadtrat Paul-Gerhard Weiß in das Thema ein und machten klar, worum es gehen sollte: „weniger Fluglärm durch bessere Gesetze“ – konkret durch eine Reform des Fluglärmschutzgesetzes und des Luftverkehrsgesetzes. In der anschließenden Diskussion mit Björn Simon (CDU) und Tarek Al‑Wazir (Grüne) wurde jedoch schnell deutlich, dass beide zwar um das Problem wissen, aber kaum konkrete Schritte zusagen können.
Al‑Wazir berichtete, dass seine bisherigen Initiativen im Bundestag schlicht „verhungert“ seien und Fluglärm kein großes bundespolitisches Thema sei. Simon verwies auf Koalitionszwänge und lehnte z.B. eine nationale Kerosin- oder Luftverkehrsteuer ab, weil er eine Verlagerung von Flugangeboten ins Ausland befürchtet. So blieb der Abend inhaltlich dort stehen, wo die Region im Grunde seit Jahren steht: Man analysiert, erklärt und relativiert. Aber ein klarer Plan, wie sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen wirklich verändern sollen, war nicht zu erkennen.
Mehrere Stimmen aus dem Publikum brachten diesen Stillstand offen auf den Punkt: Man habe „exakt den gleichen Diskussionsstand wie vor 15 Jahren“ und sei verzweifelt, weil sich trotz unzähliger Veranstaltungen, Demos und Gespräche kaum etwas ändere.

Gesetzeslage: kompliziert, veraltet – und ohne klare Grenzwerte
In seinem fachlichen Input zeigte Paul‑Gerhard Weiß, wie komplex und zugleich lückenhaft der rechtliche Rahmen ist. Nationale Regelungen finden sich im Luftverkehrsgesetz (Flugrouten, Nachtflugregelungen, Flugsicherung) und im Fluglärmschutzgesetz (Schutzzonen, baulicher/passiver Schallschutz). Beide Gesetze sind seit vielen Jahren im Kern unverändert und orientieren sich nicht am aktuellen Stand der Lärmwirkungsforschung; verbindliche Grenzwerte im Außenbereich, die wirklich schützen, fehlen.
Weiß betonte, dass Kommunen damit in einer schwachen Position seien: Sie tragen die Belastung, haben aber wenig Einfluss auf die entscheidenden Stellschrauben – insbesondere beim aktiven Schallschutz (leisere Flugzeuge, Verfahren, Beschränkungen). Vorschläge wie eine parteiübergreifende Expertenanhörung im Bundestag oder die gesetzliche Festschreibung von Flottenmodernisierung nach dem „Stand der Technik“ wurden zwar diskutiert, aber eher als mühsame, langfristige Baustellen dargestellt, nicht als unmittelbar anstehende Reformen.
Emotionen im Saal: Müdigkeit, Wut – und das Gefühl, nicht ernst genug genommen zu werden
Trotz der sachlichen Atmosphäre war der emotionale Druck im Saal spürbar, insbesondere als Betroffene aus Mainz und der Region zu Wort kamen. Ein langjähriger Aktivist schilderte, wie viele Male man schon am Flughafen demonstriert habe, wie die Beteiligung abnehme und wie zermürbend es sei, seit über einem Jahrzehnt mit immer denselben Problemen zu leben – ohne echte Verbesserungen. Die Botschaft war klar: Man erwartet von den Abgeordneten, dass sie diesen „Pulsschlag“ und die Verzweiflung der Menschen in den Bundestag tragen und nicht nur erklären, wie schwierig alles sei.
Gleichzeitig zeigte die Diskussion auch, wie verzerrt die Rollen sind: Auf der einen Seite Bürgerinnen und Bürger, die mit gesundheitlichen Sorgen, Schlafstörungen und Dauerlärm leben, auf der anderen Seite Politiker, die vor allem auf strukturelle Zwänge, internationale Konkurrenz und komplizierte Zuständigkeiten verweisen.
Eine fehlende Perspektive: Wo ist die Jugend?
Ein auffälliger Aspekt der Veranstaltung: Im Publikum saßen überwiegend ältere und mittelalte Menschen, viele seit Jahren im Thema engagiert, junge Leute waren dagegen kaum zu sehen. Gleichzeitig wächst die heutige Jugend in Offenbach und der Region mitten im Fluglärm auf: Die Geräusche sind für viele Kinder und Jugendliche längst zum Alltag, zu einer Art dauerndem Hintergrundgeräusch, das selten hinterfragt wird.
Genau darin liegt ein Risiko: Wer von klein auf in dieser Lärmbelastung lebt, kann den Eindruck entwickeln, dass sich ohnehin nichts ändert und dass Fluglärm einfach „dazu gehört“. Wenn sich dann fast nur noch die „alten Bekannten“ treffen, verfestigt sich das Bild einer müden, in sich geschlossenen Debatte – anstatt dass eine neue Generation einsteigt, eigene Fragen stellt und Druck aufbaut.
Wie kann man das ändern?
Wenn Fluglärm und Lärmschutzgesetze nicht nur ein Thema „der Älteren“ bleiben sollen, braucht es andere Wege, junge Menschen einzubeziehen – inhaltlich, politisch und emotional. Aus der Veranstaltung und der Art der Diskussion lassen sich einige Ansatzpunkte ableiten:
- Formate verändern: Klassische zweistündige Abendveranstaltungen mit Fachvortrag und Podiumsdiskussion sprechen vor allem erfahrene Engagierte an, weniger aber Jugendliche. Kürzere, interaktive Formate, Workshops oder kreative Aktionen könnten Themen wie Schlaf, Gesundheit und Lebensqualität greifbarer machen.
- Schulen und Hochschulen einbinden: Fluglärm als Teil von Umwelt- und Gesundheitsbildung: etwa in Projektwochen, Seminaren oder Jugendparlamenten – kann helfen, dass junge Menschen den Lärm nicht nur hinnehmen, sondern als politisch veränderbare Rahmenbedingung verstehen.
- Junge Stimmen sichtbar machen: Jugendparlamente, Schülervertretungen oder lokale Jugendinitiativen sollten gezielt eingeladen werden – nicht nur als Zuschauer, sondern mit festen Redeanteilen und eigenen Statements auf dem Podium.
Solange der Eindruck bleibt, dass Veranstaltungen vor allem das bestätigen, was man ohnehin seit Jahren weiß, dass es kompliziert ist, dass die Zuständigkeiten verstreut sind und dass der politische Wille begrenzt ist, wird es schwer sein, neue und vor allem Menschen zu mobilisieren. Der Abend im Bernardbau hat genau diesen Widerspruch sichtbar gemacht: hohe Sachkenntnis, ehrliche Betroffenheit, großes Engagement, aber kaum konkrete Schritte und wenig junge Stimmen im Raum.