von Lea Hanke
Mit dem kommenden Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder ab dem Jahr 2026 steht das Schulsystem in Deutschland vor einem grundlegenden Wandel. In Offenbach nimmt dieser Wandel nun konkretere Formen an. Doch der Weg dorthin ist alles andere als einfach. Im Gespräch mit Stefan Marx, dem Vorsitzenden des Stadtelternbeirats wird deutlich, wie komplex und herausfordernd der Übergang zu einem flächendeckenden Ganztagssystem ist und wieviel noch zutun bleibt.
Ein Paradigmenwechsel mit vielen Ebenen
Die Einführung der Ganztagsbetreuung ist aus Sicht von Marx nicht nur eine organisatorische Maßnahme, sondern ein ganzer Systemwechsel: „Es ist ein enorm großes Projekt. Es ist quasi ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik, den Ganztag so zu begreifen“. Jede Schule sei dabei mit den eigenen Stärken, Räumen, Bedarfen und Kollegien ein eigener Entwicklungsfall. Umso wichtiger wären hierbei eine strukturierte Planung und Begleitung.
Doch genau daran hapert es. Viele Schulen hätten kaum Unterstützung erhalten, wie beispielsweise bei der Entwicklung eigener Ganztagskonzepte. „Sie wussten in Teilen gar nicht, wie sie ein Konzept machen sollen“, kritisiert Marx die Beratung und Unterstützung der zuständigen Stellen. Dabei gehe es nicht nur um die pädagogischen Fragen, sondern auch um Verwaltungs- und Baurecht – Dinge, für die Schulleitungen oft nicht ausgebildet seien.
Bürokratische Reibungsverluste
Besonders problematisch ist aus seiner Sicht die mangelnde Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen den verschiedenen Verwaltungsebenen. Land und Kommune hätten jeweils eigene Zuständigkeiten: das Land für Personal und Inhalte, die Stadt für Gebäude und Ausstattung. Doch anstatt konstruktiv zusammenzuarbeiten, entstehe häufig Reibung. Es fehle an Transparenz darüber, wo der Stand bei Anliegen ist und wie weiter verfahren wird.
Hinzu kämen langwierige Abstimmungen zwischen verschiedenen Ämtern innerhalb der Stadt, von Schule über Planung bis Bauamt. Diese Struktur führe nicht nur zu Verzögerungen, sondern auch zu Informationsverlusten. Eltern und Schulleitungen bleiben dabei meist außen vor.
Das Ende eines erfolgreichen Modells
Ein konkretes Beispiel für die Herausforderungen ist das Auslaufen der Ganztagsklassen an vier Offenbacher Schulen (Hafenschule, Beethovenschule, Eichendorffschule und Goetheschule). Dort wurden seit Jahren Kinder im Klassenverband über den ganzen Tag von einem Team aus Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften des städtischen Eigenbetriebs EKO hinweg betreut – das Modell galt lange als Vorbild.

Doch die Finanzierung wurde neu geregelt. Die Stadt hatte bisher rund drei Millionen Euro pro Jahr für diese vier Schulen aufgewendet, wobei das Gesamtbudget für alle Einrichtungen lediglich sechs Millionen Euro beträgt. Nun soll das Geld gleichmäßiger verteilt werden. Für Marx ein nachvollziehbarer Schritt, aber mit deutlichen Folgen: „Wir bringen die Ganztagsbetreuung in die Breite, aber wir verlieren punktuell an Qualität“.
Betreuung ist nicht gleich Betreuung
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Qualität der Nachmittagsbetreuung, die je nach Träger stark variiere. Insbesondere wenn statt ausgebildeter Fachkräfte zunehmend Minijobber oder Studierende eingesetzt werden, leide die pädagogische Qualität. Marx fordert deshalb Mindeststandards, etwa ein fester Betreuungsschlüssel zwischen gelernten und ungelernten Kräften. „Es ist ein Unterschied, ob man Betreuungskräfte hat oder erlernte Erziehungskräfte.“
Regelmäßige Vorfälle wie Kinder, die unbemerkt nach Hause gehen, seien keine Einzelfälle. Diese Probleme verdeutlichten, dass Betreuung nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ durchgedacht werden müsse.
Ein langer Weg mit vielen Etappen
Ab 2026 beginnt die stufenweise Einführung des Rechtsanspruchs auf ganztätige Betreuung. Zunächst betrifft das nur die Erstklässler, bis 2029 soll der Anspruch für alle Grundschüler gelten. Die Stadt Offenbach fokussiert sich derzeit vor allem auf die infrastrukturellen Voraussetzungen: also Räume, Quadratmeter und Essensversorgung. Für pädagogische Konzepte bleibt hierbei kaum Zeit.
Gleichzeitig verändert sich das Verständnis von Schule. Marx glaubt, dass langfristig alle Schulen auf sogenannte „Ganztagsprofile“ umsteigen werden. Am Ende würden die Schulen Ganztagsschulen sein, verpflichtende Schule in Kombination mit verschiedenen Vereinen und Organisationen, die musische, sportliche und sonstige Angebote dort integrieren. Doch bis dahin sei es ein weiter, langwieriger Weg.
Beteiligung stärken, Vertrauen schaffen
Ein positives Signal: der Elternbeirat erhält künftig mehr Mitspracherecht in politischen Prozessen, ebenso wie der Stadtkitabeirat. Marx begrüßt diese Entscheidung. Entscheidend sei nun, frühzeitig eingebunden zu werden, Verantwortung mittragen zu dürfen und nicht nur informiert zu werden, wenn die Entscheidungen bereits gefallen sind.
Denn am Ende, so sein Fazit, gehe es um mehr als Organisation. Den Maßstab, an dem sich Bildungs- und Betreuungspolitik messen lassen müssen, fasst Marx kurz und knapp zusammen: „Kindern auf Augenhöhe begegnen“.
Eine Ofa-Anfrage1
Auch bei verschiedenen Schulträgern gibt es Planungsunsicherheiten. Sie wussten nicht, wieviel Mittel ihnen im nächsten Schuljahr zur Verfügung stehen würde. Wir haben daher eine Anfrage2 gestellt, damit es mehr Klarheit gibt. Nach fünf Wochen gab es dann auch eine Antwort3.
Klar ist, dass die Qualität der Nachmittagsbetreuung sinken wird. Wir hoffen, dass sich dies in Zukunft noch mal ändern wird und bleiben dran.
Links in diesem Beitrag:
- Dieser Abschnitt ist von Annette Schaper-Herget
- https://www.ofa-ev.de/anfrage-rechtsanspruchs-ganztagsbetreuung/
- https://www.ofa-ev.de/wp-content/uploads/2025/07/Antwort-Rechtsanspruch-Ganztagsbetreuung.pdf